Sri Sai Prana Yoga

Spaß an Partnerübungen?
ein yogi auf dem Jakobspfad

Das Leben ist voller Möglichkeiten die man nutzen kann. Nutzt man eine Tür, öffnen sich aus diesem neuen Raum gleich viele weitere Türen die man nutzen kann. Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden den Wunsch nach einem Studiumsplatz für das Medizin Studium aufzugeben und mich für eine Ausbildung zum Heilpraktiker zu entscheiden. Ich habe einen neuen Raum betreten und mit ihm sind für mich viele Freiheiten entstanden. Eine davon war die freie Zeit und der spontane Einfall den Jakobsweg zu bepilgern. Also auf geht’s, ab geht’s. Flüge gebucht, ein paar Tutorials angeschaut, einen Reiseführer + Wanderstiefel gekauft. Bom Caminho, Buen Camino oder in Yoga Kreisen

Om Trayambakam yajamahe Sugandhim Pushti vardhanam Urvaruka mivabandhanam Mrityor mukshiya mamritat Om

Der Plan war: 17. Juli – 2. August 2018 Caminho Portoguês, von Porto ca. 260 km nach Santiago de Compostela.

Ich hatte einen langen Weg vor mir, startete allein, und schon am ersten Tag in Porto lernte ich den ersten Mitpilger kennen. Ein angehender Kommissar, 24 Jahre alt und äußerst interessiert an Yoga, Meditation und neuen Denkweisen. Er lud mich ein, die Wanderung am nächsten Tag mit ihm und einem guten Freund zu starten. Wie sich raus stellte, war sein Freund ein 65 Jahre alter Pilgerhase, der ursprünglich aus Goa kommt und seit ein paar Jahren viele Erfahrungen auf dem Jakobsweg sammelte und sich früher auch viel mit dem Thema Yoga befasste. Von Tag 1 bis zur Abreise begleiteten mich die guten Seelen auf meinem Weg. Wir wanderten, lachten, diskutierten, wanderten und wanderten, mal allein, mal in großen Gruppen. Am Abend traf man sich wieder in den Herbergen. Um uns herum bildete sich die Gruppe von Tag zu Tag neu und mit neuen Menschen entstanden neue Schwingungen und Themen in der Gruppe.

Die ersten Wandertage auf dem Caminho Portoguês gehen entlang der Westküste Portugals und das Meer ist ein ständiger Weggefährte. Das Salzwasser, die frische Meeresbriese und das Rauschen des Meeres halfen gegen das Rauschen der Gedanken und waren wie ein Energietank für den eigenen Körper. Umso größer die Entfernung zum Meer wurde, desto mehr spürte ich, wie die H2O Atome des Körpers wieder zu ihrer Quelle zurück wollten. Doch nur der Weg in den Norden, der sich mit der Zeit Stück für Stück vom Meer trennte, führte uns zum Zielort der Pilger, Santiago de Compostela. Auf diesem Weg begegneten wir immer wieder den herzlichen Einheimischen Portugals und Spaniens. Ich hörte schon viel über ihre Freundlichkeit, und dies sollte sich immer wieder bestätigen. Eine Begegnung an die ich gerne zurück denke, war mit einem älteren Senior. Wir trafen uns an einem schmalen Weg, und wir versperrten uns beide den Weg. Wir lächelten uns an und lachten. Wir konnten den anderen durch Worte nicht verstehen, aber dennoch verstanden wir uns sehr gut. Wir waren einfach glücklich einen netten Menschen zu treffen und genossen den Moment, und die Wege trennten sich wieder. Wie oft nimmt man sich im normalen Alltag die Zeit mal kurz das Zusammensein mit einem Fremden zu genießen, ohne durch Worte die gemeinsame Stille zu verdrängen?

Nach einigen Tagen wandern, den ersten körperlichen sowie psychischen Beschwerden bei mir und anderen Pilgern fragte ich mich, warum tut man sich das überhaupt an? Früher wurden Sündige auf diesen Weg geschickt, um Buße zu tun. Lösen wir hier etwa was von unserem negativen Karma auf oder was geht hier vor sich? Im Laufe der Zeit bemerkte ich, wie der Körper und Geist leichter wurden, und konnte nachvollziehen warum es so viele Menschen auf den Weg treibt.

Auf dem Camino ist man ständig mit dem Prozess des Loslassens in Kontakt. Zuallererst verlässt man sein Zuhause, das gemütliche Bett, das heimische Essen, sowie die Freunde und Familie. Stattdessen findet man die Herbergen, die Matratzen mit Gummibezug in den Schlafsälen mit bis über 30 Personen, leckere Pilgermenüs (meist auch für Vegetarier) und den reichlichen Mitpilgern auf dem Jakobsweg daheim. Welchen heimatlichen Luxus ich mir dennoch für die Reise gönnte, war es meine Baumwoll-Yogamatte mit mir mit zu schleppen. Doch war es Luxus die extra Kilo mitzutragen? Jeden Tag auf ein Neues standen wir früh auf, packten unsere Sachen und gingen los, ließen das hinter uns liegende los. Auch die Gedanken, die du noch von Zuhause mitgenommen hast verblassen mit der Zeit und jedem weiteren Schritt. Das Hier und Jetzt findet mehr Platz für dein Bewusstsein, und dein Körper und Geist fühlen sich wieder leichter, trotz der vielen Kilometer, die du hinter dich gebracht hast. Du hast wieder Raum für neues, für Entwicklung und Glückseligkeit.

„Planlos geht der Plan los“ sagte mir eine liebe Mitpilgerin. Diese Worte habe ich mir immer wieder gerne auf meinem Weg bewusstwerden lassen. Meinen ursprünglichen Plan, jeden Tag entspannte 20 km zu gehen und am Ende in Santiago anzukommen ließ ich schnell verfallen und ging mit meinen neuen Pilger Freunden einfach so viel, wie der Tag und unsere Körper es hergaben. In den gekauften Reiseführer schaute ich kein einziges Mal während der Tour rein und die Führung gab ich ab. Wohin auch immer. ;) Ein sehr befreiendes Gefühl, das man mal ausprobiert haben sollte. Natürlich sollte das normale Leben für Erfolg Struktur und Pläne haben, aber es schadet nicht, ein Abenteuer zu starten und das Jetzt in jedem Moment geschehen zu lassen, und nicht durch das Vergangene das Zukünftige zu planen um letztendlich das Jetzt zu verpassen. Dadurch war es mir möglich, meinen Kopf freier zu haben, mir keine Sorgen zu machen, wo ich heute schlafen werde, oder mich zu fragen was wäre, wenn ich es anders geplant hätte? Letztendlich bin ich dadurch sogar 90 km weitergelaufen als anfangs geplant, bis zum Ende der Welt, wo sich Pilger von den verschiedenen Caminos für die berühmten Sonnenuntergänge treffen und ihre Zeit, ihr Ankommen genießen.

All One ist eine Weisheit die ich beim Yoga oft gehört habe, was meiner Ansicht nach aber schwer für das menschliche Ego zu fassen ist. Soweit man es auf menschlicher Ebene beschreiben kann ist der Jakobsweg meiner Meinung nach ein Ort auf dem man All One – Alles ist eins im Zwischenmenschlichen erkennen kann.

Die Pilger kommen aus aller Welt, aus verschiedensten Kulturen, Berufen, mit verschiedenen Interessen und aus unterschiedlichstem Antrieb auf den Camino. Dennoch besteht unter ihnen eine Verbundenheit, in welcher sie sich untereinander öffnen, sich gegenseitig helfen und miteinander das gleiche und doch individuelle Ziel der Verwirklichung bestreben. Die Pilger sind meist mit einer Jakobsmuskel oder schon allein an ihrem Wanderequipment zu erkennen und grüßen sich üblicherweise mit Buen Camino.

Und so schnell wie diese Worte gesprochen sind, ist auch schon ein interessantes Gespräch über Gott und die Welt entstanden. Ich traf auf viel Toleranz, Offenheit und Verständnis in den Gesprächen, was es mir und den Wanderern ermöglichte, uns selber besser zu erkennen. Dadurch entsteht ein Gefühl von Eins sein, in einem selbst und mit den Mitmenschen.

„Wir sind alle Kinder Gottes, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit.“

Eine weitere gute Eigenschaft der Pilger ist die bedingungslose Hilfsbereitschaft.

Dies ist ein Teil der Identifizierung mit der Universalen Liebe, die im Dienst an allen Menschen zum Ausdruck kommt und ihnen materiell und geistig hilft; hat jemand ein Problem, z.B. eine Verletzung, physisch oder psychisch oder fehlt nötiges Materielles, so sind direkt mehrere Menschen in den Herbergen oder auf dem Weg bereit, dir ohne wenn und aber zu helfen. Alle helfen sich gegenseitig, um das Ziel Santiago oder eventuell auch die persönliche Verwirklichung zu erreichen.

„Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“- Matthäus 7, 7-8

Ich als Yogi betrachte meinen Körper als ein Instrument für dieses Leben auf der Erde. Ich gebe Acht darauf, dass mein Körper ein gesundes, reines Gefährt für meinen Geist und meine Seele bietet. Trotz guter Fitness ist auch mein Körper an seine Grenzen gekommen, als ich ihm über eine längere Zeit extreme Belastungen, von 30km Fußmarsch täglich + schweres Gepäck zugemutet habe. Die Füße bekamen Blasen, die Bänder und Gelenke waren überreizt, und die Muskeln machten langsam schlapp.

Da fragt sich der Verstand, der meines Erachtens erstaunlich klar und ruhig war, trotz oder gerade wegen der hohen körperlichen Belastung – ist es das wert? Macht der Körper, dem man sonst so viel Gutes tut, das mit und nimmt keine langfristigen Schäden?

Ich habe mich dafür entschieden meinem Körper zu vertrauen und meine Wanderung ohne Pause fortzusetzen

Um meinen Körper trotz der Belastung stabil zu halten, hatte ich zum Glück wunderbare Hilfsmittel. Sukshma Yoga als täglicher Begleiter, zum Aufwärmen der Gelenke, bevor es morgens losging, als kurzen Powerboost für die Gelenke in den Pausen oder nach der Ankunft in einer der Herbergen. Zusätzlich gab es Hatha Yoga am Abend, , wenn es die Energie noch zu ließ, um Verspannungen zu lösen und das Gleichgewicht im Körper wiederherzustellen und Pranayama während des Laufens für neue Energie an den Orten am Körper, wo sie gerade gebraucht wurde. Bei akuten Problemen wie Blasen oder Schwellungen erfüllte die Prana Heilung ihren Dienst. Wunderbar wie unsere Lehren uns durch verschiedene Situationen leiten können und uns helfen sie durchzulaufen!

Durch meine eigene Yoga Praxis und durch Gespräche habe ich immer wieder positiv wahrgenommen wie neugierig die Pilger an Yoga sind. Von Gesprächen über Yoga Philosophie, Meditation und Atemübungen bis hin zu Yoga Stunden in den Herbergen oder kleinen Einweisungen in Sukshma Yoga wurde alles liebend gern aufgenommen.

Der Jakobsweg ist ein christlicher Pilgerweg. Doch die meisten Pilger, die mir begegneten, entschieden sich nicht aus religiösen Gründen für ihre Reise. Und trotzdem erweckte die ständige Erinnerung an das Christentum auch in diesen Wanderern eine Neugier auf das Göttliche. Ein Kreuz nach dem nächsten, eine Kirche folgt der anderen und die Jakobsmuschel ist immer präsent. Ich glaube, dass diese allgegenwärtigen Symbole das Bewusstsein der Pilger sensibilisieren, wodurch sie sich offener mit den Themen der Religion und Spiritualität auseinandersetzen können als im Alltag.

Gehende Meditation. Eine Meditation muss nicht immer in der Stille im sitzen passieren. Beim monotonen Gehen im Alleingang, wird man dazu gezwungen sich mit sich selbst, und seinen Gedanken auseinander zu setzen. Oder man lässt los und widmet sich seinem Körper, dem Atem oder den sich umgebenden Raum und der Stille in dem Raum, zwischen jedem Schritt, jedem Atemzug. Die Gedanken werden ruhig und jeder Schritt wird zu einem Zyklus. Der Fuß hebt ab, der Atem füllt die Lunge und die Energie durchströmt den Körper. Der Fuß sinkt in Richtung Erde, der Atem verlässt den Körper und die Energie fließt zurück in den Raum. Ein Kreislauf der überall in unserem Universum wahrnehmbar ist und durch die Konzentration auf dieses werden die Gedanken ruhig, der Geist klar und der Körper kann sich erholen. So ist das Wandern sehr viel leichter und erfüllter, wenn man neben dem physischen Gepäck nicht noch das Gepäck der eigenen Gedanken ertragen muss, sondern beflügelt von dem Raum innerhalb und außerhalb des eigenen Körpers ist.

Jeder Pilger macht andere Erfahrungen und nimmt für sich besonderes mit. Was diesen Weg für mich ausgemacht hat, waren die herzlichen Begegnungen mit den Einheimischen, den Pilgern und der wundervollen Natur Portugals und Spaniens. Sogar das Wandern habe ich zum Ende hin sehr geschätzt, was mir die Chance gegeben hat Gepäck hinter mir zu lassen und im Jetzt anzukommen. Mit einem großen Lächeln denke ich an die netten Tage in toller Gemeinschaft zurück. Danke!

Buen Camino!

Von Paul Riebesell

Yoga News Ausgabe Oktober 2018 Web.png

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