Sri Sai Prana Yoga

Das Marma-System

Von Petra Luckmann

Das Sanskrit-Wort Marma, Plural Marmani, bedeutet: sterblicher oder verwundbarer Punkt. Als Marma bezeichnet man Bereiche im menschlichen Körper, in denen Muskeln, Venen, Arterien, Sehnen, Knochen, Gelenke aufeinander treffen.

Die Marma-Therapie kommt aus Indien und ist ein Bestandteil der ayurvedischen Medizin. Sie wurde als Heilsystem gegen Krankheiten eingesetzt, aber auch in der Kampfkunst „ Kalari “ Dabei sind einige Marmani mit Verbindung zu Herz, Luftröhre oder Hoden so lebenswichtig, dass deren Verletzung zum sofortigen Tod führen kann.
 

Ayurveda bedeutet, das Wissen vom Leben, das Verstehen der Interaktion zwischen der eigenen endlichen Präsenz als Teil der Natur und der menschlichen spirituellen unendlichen Existenz.
 

Im Ayurveda gilt, wie man es aus dem Yoga und der Prana-Heilung kennt, dass der Körper und seine Funktionen energetische Grundlagen haben und dass ein menschliches Wesen nicht nur aus einer festen, stabilen materiellen Struktur besteht, sondern eine sich ständig verändernde, dynamische Ansammlung von Energie und Intelligenz ist im größeren Energiefeld des Universums. So können wir über die Marmani den physischen und Energiekörper und unser psychisches Befinden beeinflussen.
 

Die Energie pulsiert im Körper, und es gibt zahllose Energiepunkte im Inneren und Äußeren des Körpers, die von Prana, der Lebenskraft, durchdrungen und mit Bewusstsein gefüllt sind. Somit sind die Marmani Verbindungsstellen zwischen Bewusstsein, Anatomie und Physiologie und dienen auf diese Art als Brücke zwischen Körper, Geist und Seele.

 

Die Ayurvedatexte beschreiben 117 wichtige Marmani an unterschiedlichen Bereichen des Körpers mit. Verbindung zu bestimmten Organen, ähnlich der in der traditionellen chinesischen Medizin genutzten Akupunkturpunkte und des Chakrasystems der Prana-Heilung nach Grandmaster Choa Kok Sui, die auch Grundlage des Sri Sai Prana Yoga ist.
 

Wirkungsmechanismen

 

Marmas sind spezielle Gelenk, Muskel-, Sehnen-, Knochen- und Blutgefäßbereiche. Sie werden auch Vital-punkte genannt und bilden für den Menschen ein Frühwarnsystem. In Gefahrensituationen schlagen diese Vitalpunkte „Alarm“, um eine Überforderung des Organismus zu verhindern.

 

Krankheiten entstehen u.a. durch Blockierungen des Flusses im Energiesystem des Menschen. Sind. die Marmapunkte nicht frei, so kann die Versorgung von Organen, Kanälen und Geweben mit Lebensenergie behindert sein. Solche Blockaden sind vor allem Folge von negativen Gedanken und Erfahrungen. Diese werden im Körper und Energiesystem gespeichert und können sich auf die Zellebene toxisch auswirken. Natürlich können Blockaden auch durch äußere Gewalt, durch Unfälle, Stöße, Schläge und körperliche Überlastung entstehen.
 

Dauerhafte Angst und Stress blockieren u.a. Marmapunkte im Brustbereich. Folge können Herzrhythmusstörungen und Atembeschwerden sein und auch auf diesem Weg zu Erschöpfung, Depression und einer Verstärkung von Angstzuständen führen.
 

Dauerhaft unterdrückte Emotionen können Blockaden im Bauchbereich verursachen, die sich insbesondere auf die Bewegungsflüsse des Darms und der Gebärmutter auswirken. Ein
weiterer, die Blockaden oft verstärkender Faktor ist falsche Ernährung. Schlacken (Ama) bewegen sich durch die Nadis und sammeln sich vornehmlich an Engstellen an. Körper und Geist beeinflussen sich gegenseitig. Gerade Angst und Verwirrung trüben unseren Energiekörper und stören die Kommunikation der verschiedenen körperlichen und geistigen Systeme und führen letztendlich zu Krankheiten.
 

Ganzheitliche Methoden, wie z.B. die Marmamassage, auch Yoga, Meditation und Prana-Heilung,  wirken tief und immer auf körperlicher wie emotionaler und mentaler Ebene. Vor allem diese Form der Heilung kann umfassend und anhaltend sein.

 

Berührt man die Marmani fachkundig, mit sanftem oder tiefem Druck, so setzt man komplexe biochemische und neuroelektrische Impulse. Die Berührung muss achtsam sein. Dabei fließt Energie durch die Pforte der Marmas, gelangt so in Meridiane, Nadis und Chakras und die Organe und kann an dem jeweils zugehörigen Ort das Gleichgewicht wiederherstellen. Der Körper ist so konstruiert, dass er sich selbst helfen und Störungen ausgleichen kann. Diese Fähigkeit zur Selbstregulation des Organismus kann somit verbessert und die innere Dynamik optimiert werden.
 

Normalerweise ist das Drücken der Marmani nicht schmerzhaft. Störungen des Energieflusses in diesem Bereich verändern dies. Über Schmerz- und Druckempfindlichkeit des jeweiligen Marmapunktes teilt der Körper mit, dass eine Schwäche, Unreinheit oder ein Missverhältnis in Teilen des Körpers besteht, die mit diesem Marmapunkt in Verbindung stehen.
 

Als wichtigstes Grundprinzip der klassischen Marmatherapie versuchen wir zur Behandlung von Blockaden, diesen Bereich„geschmeidig zu machen, zu erwärmen und sanft zu dehnen.
Durch den Druck auf den Marmapunkt entsteht Wärme, die der Zelltoxizität entgegenwirkt, und durch Anregung des Pranaflusses diesen Bereich klärt und stärkt. Die Marmatherapie wirkt oft unmittelbar positiv mit Schmerzerleichterung, Entgiftung, Reinigung, Beruhigung, Revitalisierung und
Verjüngung, und auch eine anhaltende Wirkung kann je nach Natur der Störung oft zügig eintreten.

Funktionen der Marmani

 

Die Energiepunkte erfüllen eine ganze Bandbreite an Funktionen, die sich auf Körper, Geist und Seele auswirken.

 

Wenn das Prana durch die Energiepunkte und die feinstofflichen Bahnen, Meridiane und Nadis, fließt, überträgt es Informationen und verbindet dabei die inneren und äußeren Bereiche von Körper und Geist.
 

- somit unterstützen die Marmani die Kommunikation zwischen den tieferen, inneren Organen und Geweben und den eher oberflächlichen Strukturen und der Haut


- besänftigen und beruhigen und führen zu verstärkter Klarheit der Wahrnehmung. Die Behandlung entfaltet Zellbewusstsein, das sich in die zugehörigen Gewebe, Organe und Kanäle ausbreitet, dadurch kann man auf einer tieferer Ebene Zugang zum Bewusstsein erlangen.


- sie können durch die Empfindlichkeit des Berührens Auskunft darüber geben, welche Gewebe, Kanäle und Organe Störungen anzeigen


- ebenso können sie über die Berührung der Behandlung dienen, indem man die Störung besänftigt oder auflöst


- über die Stimulierung der Marmani kann der Stoffwechsel, Kreislauf, Ernährung und Verjüngung des Gewebes verbessert, die Bewegungsfähigkeit der Gelenke und der Stärkung der Knochen gefördert werden. Gut für das  Gehirn, das  Herz, den Hals, den Magen, den Dick und Dünndarm, das Becken, die Leber, die Milz, die Haut und die Zunge, da während der Marma Massage alle Marma Vitalpunkte stimuliert werden.

Lokalisation

 

In der klassischen Literatur über Ayurveda und Marmatherapie ordnet Sushruta, ein Chirurg des 6. Jahrhunderts v. Chr., der die Marmapunkte untersuchte und wissenschaftlich beschrieb, in seinem Standardwerk, der  Sushruta Samhita, einem wichtigen Werk des Ayurveda die Marmani sechs Hauptregionen des Körpers mit spezifischen Schwerpunktthemen zu:

Marmatherapie

Es ist durchaus möglich, einige Blockaden der Marmani selbst zu behandeln. Oft berühren wir ganz instinktiv die Marmani, um Beschwerden zu lindern.

Bei Kopfschmerzen reiben wir die Schläfen oder wir beruhigen unsere Kinder, indem wir ihnen sanft über den Kopf streichen. Wenn der Bauch oder Gelenke schmerzen, streicheln wir sanft kreisförmig diesen Bereich.
 

Die Dauer und Intensität der Behandlung richten sich nach der Ursache der Blockade. Häufig sind dabei Überlastung, eine gestörte Selbstwahrnehmung, überhöhte Ansprüche und Erwartungen und damit verbundene Ängste.
 

Liegt die Ursache beispielsweise im alltäglich wiederkehrenden Stress oder in persönlichen Ängsten und Sorgen, treten die Blockaden erfahrungsgemäß so lange auf, bis die wirklichen Ursachen erkannt und behoben werden und auch ein Umdenken und eine Änderung des Handelns durch die Betroffenen erfolgt.
 

Die Behandlung bestimmter Marmapunkte ist nur ein Teil eines komplexen und umfassenden Behandlungsprogrammes, welches ein fundiertes und gründliches Verständnis des Therapeuten über die Entstehung, die Symptomatik und den Verlauf einer Erkrankung erfordert.
 

Die Komplexität der Behandlung ist weitreichend und wird den jeweils vorherrschenden Situationen angepasst. Sie erfolgt entsprechend der Körperregion, nach der Natur der Störung (welche Elemente hauptsächlich an der Störung beteiligt sind), sowie nach der Schwere der Symptome.
 

Auf der nächsten Seite zeigen wir einige relevante Marmapunkte bei verschiedenen Beschwerden.

Es ist hilfreich, während der Behandlung eine stabile und bequeme Haltung einzunehmen, wobei die Wirbelsäule gerade sein sollte, damit der Atem frei fließen und ein angemessener Druck ausgeübt werden kann. Ein gleichmäßiges und ruhiges Atmen hilft, sich zu entspannen und auf die Behandlung einzustimmen.

 

Mit Achtsamkeit kann nun mit langsam ansteigendem Druck der entsprechende Punkt ca. 1 – 2 Minuten stimuliert werden. Die Finger können dabei unverändert auf der Stelle verweilen, für eine Besänftigung oder Beruhigung gegen den Uhrzeigersinn oder für eine Anregung im Uhrzeigersinn kreisend behandelt werden.
 

Anschließend lässt man den Druck langsam weniger werden streicht sanft um den Punkt herum.
 

Asanas und Marmani

Asana-Praxis und Marmatherapie sind miteinander verknüpft, beide bilden eine Brücke zwischen Körper und Geist. Yoga kann als eine Form von selbst ausgeführter Marmatherapie angesehen werden. Dies findet über drei Mechanismen statt:

 

1.Dehnen des Bindegewebes in dem die Marmani liegen


2.Direkter Druck auf die Marmani bei Bodenübungen oder durch andere Körperteile


3.Lenken der Energie zu bestimmten Marmani über die feinstofflichen Kanäle

 

Bei Vorbeugen z.B: werden eine Menge von Marmani an der Rückseite des Beines,. bei Rückbeugen  Marmas an Bauch, Brust, Kehle und Stirn durch Dehnung aktiviert.
 

Asanas, die den Brustraum erweitern, stimulieren die dort lokalisierten Marmani, von denen viele funktionell mit den Lungen verbunden sind.auch Herz, Immunsystem. Diese Stimulation lässt sich mit dem Druck der Finger oder einer Massage vergleichen
 

Schmerzen haben generell die Funktion uns zu warnen, wenn sich eine Funktionsstörung oder sogar Krankheit anbahnt, oft durch eigenes Fehlverhalten. Die Marmani melden bei Berührung oder Druck bereits Schmerz, bevor eine Krankheit entstanden ist oder sogar auf längere Sicht unser Leben bedroht ist.
 

Wollen wir die ganz persönliche Sprache unseres Körpers entschlüsseln, ist es notwendig, unsere Wahrnehmung zu schulen, denn oft sind die Zusammenhänge zwischen Schmerz, Ursache und möglichem korrigierendem Verhalten sehr subtil und nicht so leicht auffindbar. Dabei können uns die Marmani Hilfe leisten, ein energetisches Ungleichgewicht zu erkennen und mittels Marmatherapie können wir dies ausgleichen
 

Textquellen
Heidrun Ruff, Die Marma-Lehre im Yoga, Schirner-Verlag, Auflage 2008

Vasant Lad und Anisha Durve, Marmapunkte des Ayurveda, Narayana Verlag, Aufglage 2015

Michael Rohschneider

Yoga-Vidya, Marmapunkte, Wiki.yoga-vidya.de
 

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